Zum Jahrestag des arabischen Frühling

Vor einem Jahr begann der "arabische Frühling" in Tunesien und entwickelte sich zu einer machtvollen Volksbewegung im ganzen arabischen Raum. Das kleine Tröpfchen, das ein randvolles Fass zum Überlaufen brachte, war die Selbstverbrennung eines jungen tunesischen Früchtehändlers. Was veranlasste diesen Menschen zu einer solchen Verzweiflungstat?

Erst kürzlich stiess ich auf einen französischen Text, der das Schicksal von Tarek Mohammed Bouazizi in der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid nachvollzieht. Hier eine Übersetzung und Zusammenfassung davon:

....
17. Dezember 2010: Um 10h30 konfiszierten in der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid eine Polizistin und zwei städtische Beamte zwei Kisten Birnen (im Wert von umgerechnet 15 US$), eine Kiste Bananen (9 US$), drei Kisten Äpfel (22 US$) und eine elektronische Waage (179 US$). Das war alles, was der 26-jährige Tarek Mohammed Bouazizi besass. Als Kleinstunternehmer war er von einer Minute auf die andere absolut mittellos.

Er konnte seine Familie nicht mehr ernähren, die Früchte hatte er auf Kredit gekauft, und konnte seinen Kreditgebern das Geld nicht mehr zurückbezahlen. Sein Ruf war ruiniert und sein "Werkzeug", die Waage hatte er ebenfalls verloren.

Er hatte vorher ein Arrangement mit der Polizei, pro Tag drei Dinar zu bezahlen, damit er seine Ware auf dem zugeteilten Platz des örtlichen Markts verkaufen durfte. Dieses Arrangement wurde von den Behörden gestrichen. Er hatte damit keinen Zutritt mehr zum einzigen Markt, den er kannte, und auf dem er bekannt war.

Bouazizi hoffte, mit Früchten und Gemüse einen Grundstein für weitere Geschäfte zu legen. Diese Hoffnung war nun zunichte.

Die einzige Sicherheit, die er für einen allfälligen Kredit hätte anbieten können, wäre das Haus der Familie gewesen. Doch das hatte er niemals im Grundbuch als Eigentum der Familie registrieren können. Der Eintrag des Hauses im Grundbuch hätte nach örtlichen Gepflogenheiten und Gesetzen 499 Tage gedauert und umgerechnet 3990.- US$ gekostet. Das konnte er sich unmöglich leisten. Somit hatte er keine Sicherheit anzubieten, und damit keinerlei Aussicht auf einen Kredit als Geschäftsbasis.

Eine offizielle Bewilligung als Gemüseverkäufer hätte einen Behörden-Marathon von 55 administrativen Zwischenschritten von vermutlich 152 Tagen Dauer und Kosten von umgerechnet 3233.- US$ bedeutet. Schlicht eine Illusion.

Eine Stunde, nachdem seine wirtschaftlichen Grundlagen konfisziert worden waren, verbrannte sich Tarek Mohammed Bouazizi.

Am nächsten Tag stürmten Tausende aus dem Städtchen und den umliegenden Dörfern aus Protest auf die Strassen von Sidi Bouzid. Zwei, drei, vier Wochen später hatte sich der Unmut, der sich über Jahrzehnte in den einfachen Leuten angestaut hatte, über den ganzen arabischen Raum ausgedehnt. Unmut über die Missachtung der Bedürfnisse der ganz normalen Menschen, Unmut über die ungerechte Verteilung von Reichtum und Einfluss, Unmut über Behörden-Willkür und Korruption, Unmut über die Aussichtslosigkeit und das Fehlen von Perspektiven für die Zukunft.

In der Folge verbrannten sich mindestens 35 weitere verzweifelte Kleinstunternehmer (13 weitere in Tunesien, 17 in Algerien, 4 in Aegypten, 3 in Marokko et.).
...

28 Tage nachdem Bouazizi sich selbst verbrannte floh der tunesische Präsident Ben Ali vor den Protesten aus dem Land.

Nach Hernando de Soto (Wirtschaftswissenschaftler) in der "Le Monde" vom 16.1.2012.

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